Fall/Winter 2021 Menswear: Körper vs Kleidung

Das für mich interessanteste, was Pandemie und Lockdown hervorgebracht haben, war die Reaktion der Menschen. Einerseits im Alltag des Einzelnen: wie radikal sich Motivation, Sozialverhalten und politisches Engagement von Person zu Person unterschieden haben ist faszinierend.

Fall/Winter 2021 Menswear: Körper vs Kleidung

Das für mich interessanteste, was Pandemie und Lockdown hervorgebracht haben, war die Reaktion der Menschen. Einerseits im Alltag des Einzelnen: wie radikal sich Motivation, Sozialverhalten und politisches Engagement von Person zu Person unterschieden haben ist faszinierend.

Das für mich interessanteste, was Pandemie und Lockdown hervorgebracht haben, war die Reaktion der Menschen. Einerseits im Alltag des Einzelnen: wie radikal sich Motivation, Sozialverhalten und politisches Engagement von Person zu Person unterschieden haben ist faszinierend. Man hört von neu entflammten Leidenschaften genauso wie vom Lockdown-Blues. Und allem dazwischen. Im Gegensatz dazu war der Umgang mit Events von weltweiter Bedeutung und dementsprechendem Umfang umso pragmatischer. Was verschoben werden konnte wurde verschoben, oder ganz abgesagt, andernfalls wurde sich angepasst.

Natürlich sind auch die Fashion Weeks davon betroffen, wobei in diesem Kontext viel mehr als nur der Ablauf der Veranstaltungen differiert. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass bereits kleinste politische oder gesellschaftliche Veränderungen großen Einfluss auf aktuelle, wie zukünftige Kollektionen haben können. Da in dieser Saison jedoch alles, von Beginn des Entwicklungsprozesses bis zur Fashion Show, unter Pandemiebedingungen stattfinden musste, war die Spannung umso größer, besonders meinerseits. Der pragmatische Umgang mit dem Event an sich schafft einen ungewohnt beschränkten Rahmen, in dem die Modeschaffenden ihren im Gegensatz dazu stehenden persönlichen Umgang mit den eigenen Eindrücken im Laufe des letzten Jahres inszenieren müssen. Wir haben die verschiedensten menschlichen Reaktionen auf die Pandemie erlebt, von optimistisch bis pessimistisch. Von lethargisch-phlegmatisch bis hochenergetisch. Von fast unberührt bis zutiefst mitgenommen. Man fragte sich also: In welcher Form würden die Erfahrungen in der Pandemie die Kollektionen beeinträchtigen? Zieht man sich zurück oder nimmt man Mode als Ausweg aus den eigenen vier Wänden wahr? Erschafft man Kleidung für die Zeit danach oder fokussiert man sich auf das Hier und Jetzt? Welche neuen Möglichkeiten zur Präsentation würden genutzt werden?

Das Ergebnis: Die Fall/Winter 2021 ist in all ihren Aspekten von der Pandemie gezeichnet. Sie ist ein Kind verschiedenster Reaktionen, und dadurch entstandener Konzepte, auf die Pandemie. Die beeinflussten Arbeitsumfelder der Designteams, die hervorgerufenen Gefühle, die durch die Mode entweder kanalisiert oder verdrängt werden sollen, der gesamte Zeitgeist des letzten Jahres steht im Namen eines weltweiten Ausnahmezustands. Auch die Präsentation, die statt durch Direktheit und Anfassbarkeit durch cineastische Bilder oder umfangreich erzählte Geschichten überzeugen will, wäre unter gewohnten Umständen nicht denkbar gewesen. Ein memorables Bild boten frei tanzende Models, die sich scheinbar ohne Choreografie zur laufenden Musik bewegten, zu sehen unter anderem bei Louis Vuitton und Prada. Sich in schöner Kleidung von den Bürden des letzten Jahres lossagen und Spaß haben. Diese Unbeschwertheit, die vielen Menschen aktuell verwehrt bleibt, wird durch Mode wieder nahbar. Der Sinn von Mode wird in der Krise neu interpretiert: Mode als Insel des Wohlfühlens im allgegenwärtigen Meer der Sorgen und Ängste.

Und das ist nur ein Ansatz von vielen, der im Rahmen der digitalen Modewoche zu beobachten war. Der Facetten- und Ideenreichtum, ausgelöst durch das Aufeinandertreffen völlig neuer Lebensrealitäten und Wahrnehmungen mit bestehenden Designphilosophien und -sprachen, war so ersichtlich wie selten zuvor. Bei Prada und Dries van Noten gingen die Umsetzungen stark auseinander. So sehr sogar, dass aus dem gleichen Grundgedanken zwei großartige Kollektionen entstanden sind, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Prada

Die erste Menswear-Kollektion des familiengeführten Modehauses, bei der Raf Simons neben Miuccia Prada die Rolle des Creative Directors einnimmt, taucht ab in die menschliche Gefühlswelt. Passend zum Namen der Kollektion „Possible Feelings“ thematisieren Prada und Simons den unterdrückten Wunsch nach Sinnlichkeit und Berührung, die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und die Verarbeitung der eigenen Gefühle. Die Models durchschreiten in der digitalen Show zu den Beats von Techno-Ikone Richie Hawkin ein mit buntem Kunstfell ausgestattetes Set, entworfen von Rem Koolhaas, welches die haptische Palette und die optische Farbenpracht der Kleidung auf die Umgebung erweitert.

Im Mittelpunkt steht dennoch die Kleidung, im Speziellen die an jedem Model (mal auffälliger, mal subtiler) zu sehenden Bodysuits aus Strick-Jacquard. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung funktioniert nur über die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Prada und Simons haben ein Kleidungsstück erschaffen, welches gleichzeitig den menschlichen Körper repräsentiert, dem Träger durch die Nähe zum Körper eine neue Selbstwahrnehmung und ein neues Gefühl von Körperlichkeit verleiht und vielseitig trag- sowie einsetzbar ist. Die Muster sind ein Mittel um das emotionale Wirrwarr, welches als Reaktion auf körperliche Eindrücke entsteht, nach außen zu tragen. Was der Körper wahrnimmt, wird auf den Körper selbst projiziert.

Es wird kein Zufall sein, dass ein gemütlicher Bodysuit zum aktuellen Zeitpunkt von der High Fashion aufgegriffen wird, jedoch lässt er sich auch außerhalb von Homeoffice und Couch tragen. Er fungiert als roter Faden, welcher sich durch die gesamte Show zieht und die körperbetonte Grundsilhouette vorgibt. Für Prada bisher untypische Nadelstreifenanzüge passen sich dieser Silhouette an, oversized Bomberjacken, Strickjacken, Mäntel und Peacoats in allen erdenklichen Farben fordern sie heraus. Der Körper, der Kern, das Herzstück, repräsentiert durch den Bodysuit, ist noch sichtbar, aber muss sich gegen die übermächtigen Farben, Materialien und Formen behaupten. „Physicality versus Construction“ sei ein wichtiges Motiv in der Entwicklung gewesen, merkte Prada an.

Ein kreativer Input von Simons, der sich bereits in der Womenswear Spring/Summer 2021 umgesetzt wurde, ist der Einsatz der Prada Triangle Logos. Statt das ikonische Dreieck wie in der ersten gemeinsamen Kollektion plakativ auf der Brust zu platzieren, wird es hier dezent im Nacken der Bodysuits und auf den überdimensionalen Knöpfen der Peacoats untergebracht. Die Verwendung dieses Logos beschreibt die Fortsetzung der Firmengeschichte Pradas, in der es häufig auf Leder- und Nylonaccessoires angebracht wurde. Das Logo wird als eigenes Designelement betrachtet und erlangt eine größere Wichtigkeit als zuvor. Simons Neuinterpretation respektiert und bewahrt das Vermächtnis, aber findet neue Wege, Designs mithilfe des Emblems zu bereichern und Prada als Marke weiterzuentwickeln. Ein Stilmittel, das wir hoffentlich weiterhin in den Kollektionen des Designergespanns sehen werden.

Die Materialvielfalt ist ein weiteres Steckenpferd der Kollektion. Einige der Peacoats, die farbenfrohen Bomberjacken mit auffälligem Jacquardfutter und die ebenso farbenfrohen, vieldiskutierten, mit einer kleinen Tasche ausgestatteten Handschuhe sind aus Leder gefertigt. Wolle zeigt sich in all ihren Formen: neben einem angerauten Wollgewebe bestehen die Mäntel aus einem Teddy-Stoff, sowie einem groben Kord. Auch zum charakteristischen Nylon wurde bei einigen Jacken und Mänteln wieder gegriffen.

Die gesamte Show ist überwältigend. Die verschiedenen Farben, Formen und Texturen von Kleidung und Set sorgen für ein Erlebnis für die Sinne. Sie konfrontiert den Zuschauer mit der eigenen Wahrnehmung. Sie befriedigt das Verlangen, die Welt, die einen umgibt, mit den eigenen Augen zu sehen und mit dem eigenen Körper zu spüren, beachtet aber auch die Konsequenzen davon. Sie thematisiert die Notwendigkeit, die durch körperliche Wahrnehmungen entstandenen Gefühle mit eben jenem Körper in Einklang zu bringen und stellt den Zuschauer vor die Aufgabe, dies mit den eigenen, durch die Reizüberflutung ausgelösten Gefühlen, zu tun. Kurzum: das Konzept ist genial, die Umsetzung großartig. Die Kleidung ist funktional, mutig und stellt mit den Handschuhen, Bomberjacken und Mänteln mögliche Trendpieces des Jahres vor. Was aus der kreativen Feder des Duos für die Zukunft zu erwarten ist, wie sehr sich die beiden noch aus der Prada-Komfortzone wagen werden, steht noch in den Sternen; die Fall/Winter-2021 ist jedenfalls ein gelungener Einstand.


Dries Van Noten

Dries van Noten steht für Extravaganz. Der belgische Designer hält sich keinesfalls zurück, wenn es um die Nutzung von pompösen Animal- und Blumenprints, Mustern sowie die Verarbeitung von Fell und Reptilleder geht. Dominierende Materialien sind Samt, Seide, Leder und allerfeinste Wolle. Dass van Noten sich oft neu erfindet ist kein Geheimnis. Er selbst sagt, er hasse es, wenn Dinge zum System werden. Keine Kollektion sieht wie die andere aus. Seine bekannten Stilmittel und Materialien sind dabei aber oftmals ähnlich, es ändert sich lediglich der Kontext und die Form, in denen er sie zur Geltung kommen lässt. Noch nie hat man von ihm eine Kollektion gesehen, die diese wichtigen, gar stildefinierenden Elemente derart reduziert.

Daraus zu schließen, dass der Modeschöpfer von seiner eigenen Linie abweicht, wäre jedoch ein Trugschluss. Seine Kollektionen sind ein direktes Abbild eines sich ständig ändernden Zusammenspiels aus Kunst, Kultur und Zeitgeschehen auf klassische Männermode. In einer Welt im Stillstand äußere Einflüsse zu vernachlässigen, das Kleidungsstück als solches hervorzuheben, statt mit wilden Prints, mit innovativen Schnitten zu experimentieren und verschiedenste Materialien nicht nur aus einem Designaspekt zu verwenden, sondern um den Tragekomfort zu optimieren, ist ein logischer Schritt. Dieser Minimalismus is gefragt in Zeiten in denen private Modehäuser mehr auf Umsatz angewiesen sind als je zuvor. Nicht nur gut verkäuflich, sondern fordert den Designer heraus, sich mit der Kleidung tief auseinanderzusetzen, um einzigartige, gut tragbare und qualitativ hochwertige Stücke zu entwickeln.

Die Kunst in gutem Minimalismus ist, das richtige Maß zu finden. Was ist dieses Kleidungsstück? Was macht es aus? Wie kann ich es verbessern? Wie weit darf ich gehen, ohne es zu verfremden? Jeder Designer sieht sich diesen Fragen konfrontiert. Van Noten transformiert die etablierten Silhouetten durch experimentelle Schnitte, in Form von weiten Hosen (sowie Shorts), knielangen Hemd-Kleid-Mantel-Hybriden, oversized bis cropped Blazern und doppelt geschichteten T-Shirts, bringt aber im Hintergrund seine wohlbekannten Muster, wenn meist auch nur unauffällig in Braun und Beige gehalten, edle Bestickungen sowie auch exklusivere Materialien wie Leder, gesehen an einer waldgrünen Bomberjacke, ein. Normalerweise verleihen die aufeinander prallenden Muster und Materialien seinen Kollektionen eine gewisse chaotische Note. In diesem Fall bringen sie die viel prominenteren Kleidungsstücke zur Geltung und ordnen sich harmonisch unter. Die Kollektion ist einerseits eine Subversion des Minimalismus und andererseits seines eigenen Stils.

Wir sehen Kleidung, die für Van Notens Verhältnisse erstaunlich leise ist, aber durch die Anwendung seiner eigenen Techniken die Van-Noten-DNA in sich trägt. Seine charakteristischen Muster und Materialien setzt er raffiniert in kleiner Quantität ein. Diese gehen durch ihre laute Natur trotzdem nicht unter, sondern spielen eine wichtige Nebenrolle. Seine Handschrift bleibt bestehen, nur das Motiv ist ein ganz anderes.

Dries Van Notens Kollektion ist das, was man sowohl stilistisch, als auch konzeptionell als Antithese zu Prada bezeichnen kann. Umso erstaunlicher, dass beide auf demselben Fundament bauen: die Besinnung zurück auf das Ursprüngliche. Im Gegensatz zu Prada, welche mit dem Körper und dem Umgang mit diesem arbeiten, bezieht van Noten diesen Ansatz direkt auf die Kleidung. Daraus resultieren teilweise diametrale Gegensätze. Prada pointiert einen Konflikt zwischen Körper und gewaltiger Kleidung, van Noten sorgt für Harmonie zwischen Minimalismus und Maximalismus. Prada will mit seiner Materialauswahl die Sinne stimulieren, Van Noten will durch seine dem Träger ein komfortables Erlebnis bieten. Prada spricht die Gefühle des Menschen aktiv an und provoziert Beschäftigung mit diesen. Van Noten fokussiert sich auf gar stoische Weise direkt und ausschließlich auf die Kleidung. Die beiden Kollektionen sind zwei Antworten auf dieselbe Frage. Zu einem gewissen Punkt sogar zwei Verkörperungen der menschlichen Reaktionen auf die Pandemie. Und selbst, wenn man diese bemerkenswerte Parallele ignoriert, sind es am Ende des Tages zwei wunderbare, kreative und originelle Modekollektionen und Highlights der diesjährigen Fashion Weeks.

Autor: Frederic Schnarr

Moubarak Assima

Creator & Stylist Creative ideas for @nofaithstudios Manage things @fabricsoverfriends Represented by @noinfluence.today Editor @title

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