„Ich werde alles so nehmen wie es kommt“ - Sierra Kidd über sein Mindset, Ehrlichkeit und Erfolge

Sierra Kidd ist ein Name, der schon lange nicht mehr aus dem Deutschrap wegzudenken ist. Mit gerade einmal 16 Jahren veröffentlichte er seine erste Single Kopfvilla und legte einen Senkrechtstart hin.

„Ich werde alles so nehmen wie es kommt“ - Sierra Kidd über sein Mindset, Ehrlichkeit und Erfolge

Sierra Kidd ist ein Name, der schon lange nicht mehr aus dem Deutschrap wegzudenken ist. Mit gerade einmal 16 Jahren veröffentlichte er seine erste Single Kopfvilla und legte einen Senkrechtstart hin.

Sierra Kidd ist ein Name, der schon lange nicht mehr aus dem Deutschrap wegzudenken ist. Mit gerade einmal 16 Jahren veröffentlichte er seine erste Single Kopfvilla und legte einen Senkrechtstart hin. In 2020 releaste der Künstler und Label-Chef sein Album 600 Tage, welches eines der stärksten Veröffentlichungen aus dem letzten Jahr ist. Kurz vor dem Jahreswechsel kündigte er sein neues Album NAOSO an und gab mit der Single Money Machen, einen ersten Einblick in das neue Projekt. Ich habe mich mit Sierra Kidd connected, um mit ihm über sein Mindset, junge Künstler und Ehrlichkeit in der Musik zu unterhalten.


„Ich werde alles so nehmen wie es kommt“ - Sierra Kidd über sein Mindset, Ehrlichkeit und Erfolge

Wenn man „600 Tage“ hört merkt man, dass du anscheinend in dem letzten Jahr mit einigen Sachen abgeschlossen hast und sich mehr Hoffnung und Selbstsicherheit in deiner Musik widerspiegelt. Dieser Prozess zieht sich gefühlt durch deine komplette Diskographie. Bist du mit deinem State Of Mind und deiner Kunst da angekommen, wo du beispielsweise auf R.I.P. noch hinwolltest?

Puh, dass mit dem State of Mind ist eine schwierige Sache. Ich bin auf jeden Fall weiter gekommen als ich dachte, aber ich bin auch noch sehr am Anfang. Ich habe noch einen weiten Weg zu gehen und ich hoffe, dass ich irgendwann so weit bin, dass ich sagen kann - ich bin komplett im Reinen mit mir.

Im Moment bin ich das aber einfach nicht. Ich habe das Gefühl je weiter ich mein Trauma bearbeite, desto mehr kommt ans Tageslicht, was beschissen lief in meiner Vergangenheit. So ist es wahrscheinlich ein Heilungsprozess. Auch wenn ich sehr down bin, unter meinen Depressionen leide und gerade wahrscheinlich in der schlimmsten Phase meines Lebens bin, muss ich sagen, dass ich stolz darauf sein kann, wie weit ich mittlerweile gekommen bin.

Der Song „Big Boi“ ist einer der ehrlichsten Songs, die du jemals veröffentlicht hast. Neben dem Musikvideo hast du auch eine kurze Dokumentation gedreht, um dem Song noch mehr Background zu geben. Hast du manchmal Angst davor zu ehrlich zu sein, weil es dich in diesem ganzen “Rap-Kosmos” in Augen mancher vielleicht schwach und verletzlich wirken lässt?

Ich sehe diese Sache mit schwach und verletzlich gar nicht so. Ich glaube viele Menschen sehen mich als Opfer oder als schwach an, weil es in der Kultur normal ist, dass man sich krasser gibt als man eigentlich ist. Bei mir ist es genau das Gegenteil. Ich bin nicht immer das Opfer, ich bin nicht immer im Arsch und ich bin auch nicht immer down, auch wenn es sehr oft so ist. Ich habe auch gute Seiten die andere als stark wahrnehmen würden.

Für mich ist Musik Therapie und Verarbeitung. Deswegen behandle ich viele Sachen, die ich anders nicht verarbeiten könnte. Selbst in Nummern wie Money Machen, wo viele von außen denken würden es geht nur um Flex oder darum krass zu sein. Wenn man richtig hinhört, versteht man ich wurde betrogen und das ist meine Art dagegen anzukämpfen und aufzustehen. Ich finde, dass das viel stärker ist, als jemand der sich krasser gibt, als er ist, oder nicht?

Als großer Bruder von 6 Geschwistern hattest du schon in jungen Jahren viel Verantwortung für deine Familie, gerade weil deine Mutter alleinerziehend ist. Was hat dir deine Mutter mitgegeben, als du nach Berlin gezogen bist, um Musik zu machen und inwiefern begleitet dich diese Rolle des großen Bruders in den Dingen die du tust?

Ich muss ehrlich sagen, diese große Bruder Sache ist schon fast so ein Tick von mir. Ich habe bei anderen Leuten immer das Gefühl ich muss der große Bruder sein. Ich rede da sehr ungern drüber, aber meine Mutter hat meinen großen Bruder verloren als sie sehr jung war und mein Bruder noch im Kindesalter war. Deswegen habe ich das Gefühl, es ist ein bisschen auf mich rüber geschwappt. Ich muss immer der große Bruder sein und allen Leuten helfen.

Wenn ich Menschen sehe, die ich sympathisch finde und die ich mag, schreibe ich denen direkt bei Problemen. Auch wenn ich irgendwelche Influencer sehe und merke die haben Probleme schreibe ich direkt, dass ich durch dasselbe gegangen bin und dass ich vielleicht helfen kann. Ich versuche den Menschen immer zu helfen, auch anderen Musikern oder Leute die gar nichts haben. Man merkt es ja auch anhand der Personen, mit denen ich arbeite. Ich habe fast nur Feature mit Künstlern, die sehr klein sind.

Dass ich mal ein großes Feature mache mit Fler oder mit Genetikk gehört eher zur Seltenheit. Ich arbeite viel lieber mit Leuten zusammen, wie Felikz und Jalle. Das sind Leute, die viel weniger haben und ich unterstütze die, weil ich mir wünsche, das hätte damals jemand für mich gemacht. Ich weiß, wie es ist auf der anderen Seite zu stehen. Meine Mutter hat mir immer folgendes mitgegeben: Ich soll niemals vergessen, wo ich herkomme und ich soll die Menschen um mich rum beobachten, analysieren und schauen, dass ich das alles aufsauge wie ein Schwamm und daraus lerne.

In der Big Boi Dokumentation sagst du außerdem, dass du ein Suchtmensch bist. Gibt es neben den negativen Sachen, die du dieser Charaktereigenschaft zu verdanken hast, auch positive Aspekte, die dich dahin gebracht haben, wo du heute stehst?

Das mit dem Suchtmensch stimmt tatsächlich. Meine Mum hat immer gesagt, alles was ich mache, mache ich extrem. Wenn ich zum Beispiel Sport mache, mache ich Sport, bis ich nicht mehr kann. Es ist mit allem möglichen so. Wenn ich Musik mache habe ich Phasen, in denen ich in zwei Wochen ein ganzes Album mache und dann mache ich wieder zwei Monate gar nichts.

Ich musste hart kämpfen, damit das nicht mehr so stark ist, denn dieses Suchtmensch-Ding ist ein krasses Problem. Natürlich hat es mir in der Musik geholfen viel Output zu liefern, aber im Endeffekt ist es nie gesund. Außer vielleicht im Sport, da ist es das einzige, wo es dir was bringt. Ich musste mich krass moderieren und ich krieg es immer besser hin, mittlerweile bin auch lange nicht mehr so schlimm. Früher war es viel härter, was die Sucht angeht, aber mittlerweile bin ich auch nach nichts mehr süchtig beziehungsweise es fällt mir nicht auf. Außer vielleicht Videospiele, aber das ist eine andere Geschichte.

Mit Edo Saiya, Cherriimoya und dem Produzenten Consent2k hast du drei junge Künstler*innen in deinem Label TFS. In deinen Anfängen warst du selbst bei Raf Camoras Label „Indipendenza“ unter Vertrag. Was hast du von RAF in Sachen Künstlerentwicklung mitgenommen? Was machst du heute anders?

Von Raf hab ich sehr viel mitgenommen, was mir erst später bewusst wurde. Als ich bei ihm war habe ich nie verstanden, wie viel er mir mitgab. Dass ist mir erst aufgefallen, als ich weg von ihm war und mein eigenes Ding gemacht habe. Besonders Sachen die ich damals schon hätte umsetzen sollen, wie dass man auf sich selbst schauen muss, immer Sport machen sollte und seinen Kopf immer beisammen behalten muss. Auch, dass man Arbeit abgibt, die man selber nicht machen will, um in Sachen die man machen will, der Beste zu sein. Raf war im Nachhinein ein Mentor und natürlich auch ein Lehrer.

“Fucksleep - Es geht immer Higher” - Cherriimoya hat es geschafft, mit nur einem veröffentlichen Song 500.000 monatliche Hörer zu generieren. Edo Saiya hat einen geisteskranken Output in den letzten zwei Jahren gehabt. In welche Richtung soll es für TFS in Zukunft gehen? Hast du konkrete Ziele wie neue Künstler oder mehr gemeinsamen Output?

Dass es soweit kommt wie jetzt hätte ich niemals gedacht. Ich hätte niemals gedacht, dass Cherriimoya mit ihrem ersten Song 24 Millionen Streams macht, bevor das Video kommt. Ich hätte niemals gedacht, dass Edo Saiya eine Million monatliche Hörer auf Spotify knackt und zwei Mal Top Ten geht im selben Jahr. Jetzt schon wieder mit einem neuen Album um die Ecke kommt und die Shows ausverkauft sind in tausender Locations. Das sind Sachen, welche ich noch nie geschafft habe in meinem Leben. Es ist sein erstes Jahr im Game und das darf man nicht vergessen, auch wenn er für keine Awards oder so nominiert wurde. Die Leute wissen ganz genau Bescheid, dass er dieses Jahr alles abgerissen hat. Und wer bin ich nach mehr zu fragen.

Für TFS habe ich keine besonderen Ziele. Ich persönlich möchte weniger Musik machen und mich mehr auf die Brand und Clothing Line von TFS konzentrieren. Der Name Team Fuck Sleep soll einfach größer werden, als Sierra Kidd es jemals werden könnte. Ich möchte mich selber mehr in den Hintergrund rücken. Für Edo Saiya und Cherriimoya wünsche ich mir einfach, dass die weiterhin ihr Ding machen und erfolgreich sind, in dem was sie tun. Auch wenn sie nicht erfolgreich werden sollten. Einfach glücklich werden und Spaß haben. Ich werde mir keine Ziele setzen mit Zahlen oder mit irgendwelchen Sachen. Ich werde alles so nehmen, wie es kommt, Alhamdulillah. Ich bin glücklich und dankbar, egal was passiert. Es wird auf jeden Fall ein Sampler kommen von Team Fuck Sleep. Des Weiteren werden noch neue Künstler dazu kommen. Aber fürs erste sind wir so wie es ist zufrieden. TFS sind Edo Saiya, Cherriimoya und ich, aber es gibt auch Leute, die mit uns sind. Die haben keine Verträge bei uns, aber sind Freunde von uns und Teil des Kreises.

Zurzeit pushst du die Brand “No Faith Studios” von meinem Bruder mit zahlreichen Insta-Stories, was natürlich nicht selbstverständlich ist. Was geht dir durch den Kopf, wenn du junge Menschen siehst, die aus ihrer Leidenschaft einen Hustle machen? Was würdest du diesen Menschen mit auf den Weg geben?

Die Brand von deinem Bruder pushe ich sehr gerne und das tue ich nicht, weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil die Brand so krass ist. Ganz viele Leute schreiben mich an und sagen: „Sign mich, sign mich“ und senden mir irgendwelche Musik von ihnen. Ich sage dir ehrlich: ich will niemanden auf die Füße treten, aber 99% davon ist wirklich Schrott. Den meisten sage ich dann: „Wenn du gute Musik machst werden Leute auf dich aufmerksam und wollen mit dir arbeiten, weil du gute Musik machst.“ So ähnlich ist das mit der Brand von deinem Bruder. Ich bin nicht darauf aufmerksam geworden, weil er mir geschrieben hat „check mal meine Brand aus“. Nein, ich bin darauf aufmerksam geworden, weil seine Brand krass ist und ich finde, wenn etwas gut ist sollte man es fördern. Dein Bruder ist krass, er ist sehr krass.

Was können deine Fans im Jahre 2021 von dir erwarten? Könnte es nach Jahren endlich wieder eine Sierra Kidd Tour geben, wenn Corona es zulassen sollte? Ich bin bestimmt nicht der Einzige der einen Song wie „Sonate“ unbedingt live hören muss!

Zum Touren wird es wahrscheinlich nicht kommen. Wie gesagt: Ich habe vor mich von Rap zu distanzieren. Ich möchte natürlich noch hier und da Musik machen und meine Alben rausbringen. Dafür habe ich meine Fans gekriegt und die will ich nicht enttäuschen oder links liegen lassen. Natürlich werde ich immer Musik machen, weil das der Grund ist, warum ich heute hier stehen darf und mit dir reden kann. Das ist nicht selbstverständlich, schon gar nicht in der Gegend aus der ich komme. Live gehen fühle ich einfach nicht mehr, weil ich mir sogar schon bei Musikvideos wie ein Hampelmann vorkomme. Auftritte fühle ich bei anderen sehr, wie bei Edo zum Beispiel, aber ich fühle mich dabei nicht so sehr. Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, aber fürs Erste sehe ich mich nicht dadrinnen, sondern Edo. Kommt alle zur Edo Tour!

Gibt es noch irgendwelche abschließenden Worte von dir, die du raushauen willst?

Als abschließende Worte möchte ich dir erstmal dafür danken, dass du mir die Möglichkeit gibst mit dir zu sprechen und auf deiner Plattform etwas sagen zu können. Danke an deinen Bruder, über den wir uns dann ja connected haben und ich wünsche euch beiden alles Gute. Ich glaube, was ihr macht ist sehr wichtig für die Kultur und auch wichtig für die Kunst in diesem Land. Ich weiß es sind große Worte und es klingt riesig, aber es ist wirklich so. Darauf könnt ihr stolz sein, ihr seid krasse Leute. Danke, dass ich hier sein durfte, Peace Out.

Autor: Leon Dobbelgarten

Moubarak Assima

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