Jacquemus: Der neue Stern am Modehimmel

Wir schreiben den 24. Juni 2019. Sonnenschein, klarer Himmel, ein Lavendelfeld irgendwo in der südfranzösischen Provence. Durch diese unscheinbare Kulisse zieht sich ein 500 Meter langer pinkfarbener Weg.

Jacquemus: Der neue Stern am Modehimmel

Wir schreiben den 24. Juni 2019. Sonnenschein, klarer Himmel, ein Lavendelfeld irgendwo in der südfranzösischen Provence. Durch diese unscheinbare Kulisse zieht sich ein 500 Meter langer pinkfarbener Weg.

Wir schreiben den 24. Juni 2019. Sonnenschein, klarer Himmel, ein Lavendelfeld irgendwo in der südfranzösischen Provence. Durch diese unscheinbare Kulisse zieht sich ein 500 Meter langer pinkfarbener Weg, an dessen Seite unzählige Influencer, Kritiker und Journalisten Platz genommen haben. Sie warten gespannt. Die Sonne brennt auf die Köpfe der Zuschauer herab. Doch da nähert sich eine Frau im weißen Oversize-Anzug. Und sie kommt nicht allein. Ihr folgen 64 weitere Männer und Frauen, alle in hellen und bunten Kleidern, Hemden und Anzügen, sogar Badehosen gekleidet. Sie alle treten auf, um die Spring/Summer 2020-Kollektion von Jacquemus zu präsentieren.

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Nachdem auch das letzte Model abgetreten ist, wird die Show mit schallendem Applaus quittiert. Und nicht nur alle Zuschauer vor Ort sind überzeugt, die Bilder gehen um die Welt und begeistern erfahrene Kenner wie junge Modeenthusiasten gleichermaßen. Der französische Journalist Loic Prigent bezeichnete sie als "die Show", die alles neu definierte. Für mich ist sie nicht nur besonders, weil sie wahrscheinlich die erfolgreichste der Marke aller Zeiten war, sondern auch, weil sie für mich ihre Philosophie besser als jede andere darstellte. Die Philosophie von Jacquemus - einer Marke, der ich das Potenzial zutraue, in ein paar Jahren in der obersten Modeliga mitzuspielen und deren Teile man auf allen Straßen der Welt häufig sehen wird.

Kinderschuhe

Der Mann hinter Jacquemus heißt Simon Porte, geboren 1990 in Salon-de-Provence, Frankreich. Simon war von klein auf begeistert von Mode. So sehr, dass er sich seine Traumberufe wegen der dazugehörigen Uniformen aussuchte. Seinen ersten eigenen Schritt im Bereich Design wagte er 1997, richtig gerechnet, mit sieben Jahren. Eine kleine Geschichte:

Es ist warm. Etwas zu warm möchte man meinen, doch nicht außergewöhnlich. In Südfrankreich ist es oft warm um die Jahreszeit. Und auch sonst läuft der Tag nicht anders als gewohnt. Obwohl eine Sache anders ist. In klein Simons Kopf hat sich eine Idee festgesetzt, denn auch an ihm ist das Wetter nicht vorbeigegangen. Er will seiner Mama eine Freude machen, dem Menschen, den er liebt wie keinen anderen auf dieser Welt. Ohne viele Möglichkeiten, aber kreativ wie er ist, macht er sich auf zum Küchenfenster, greift sich den Vorhang und geht ans Werk. Löcher werden per Küchenmesser hinzugefügt, ein grüner Schnürsenkel durchgesteckt, schon ist sein erster Rock fertig. Mama geht einkaufen. Das Leinenmaterial sieht sommerlich aus und hält ihre Beine kühl, perfekt für die Jahreszeit. Sie kommt heim und ruft ihren Sohn zu sich. Er hat ein mulmiges Gefühl im Bauch, wie Mama seine kreation finden würde, schließlich hatte der den Küchenvorhang kaputt gemacht. Doch sie bleibt ruhig und sagt mit Stolz erfüllter Stimme nur einen Satz: "Du bist der Beste!" Klein Simon strahlt übers ganze Gesicht.

So oder so ähnlich war es abgelaufen und Simons Feuer für Mode und Design war endgültig entfacht. Ein so wichtiges Erlebnis war es sogar, dass er seine Fall/Winter 2020-Kollektion L'Année 97 ("Das Jahr 97") nannte und in dieser seinen ersten Meilenstein, den Leinenrock, zum Fokus machte.

Erste Schritte

Es war also beschlossene Sache: Simon würde in die Modeindustrie gehen. Und wo starten, wenn nicht in Paris, der Hauptstadt der Mode selbst. Nach seinem Schulabschluss war es für ihn an der Zeit, er packte mit 18 Jahren seine Taschen und zog dorthin, um an der École supérieure des arts et techniques de la mode (kurz ESMOD), einer renommierten Hochschule für Mode, zu studieren. Doch das sollte nicht lange so gehen: kurze Zeit nach Beginn des Studiums wurde Simon von einem harten Schicksalsschlag getroffen. Der Mensch, der ihm von allen am wichtigsten war, der seine größte Inspiration und Motivation war, seine Mutter, starb in einem Autounfall. Er war geschockt, bestürzt, brauchte eine kurze Pause vom Schaffen. Der Vorfall und die Zeit danach führten ihn zu einer Erkenntnis: Zeit geht schnell vorüber. Alles kann so schnell vorüber sein. Daher sollte er keine Zeit verschwenden, alles so schnell wie es ihm möglich ist tun. Ein französisches Sprichwort besagt: "Die verlorene Zeit fängt man nie wieder ein". Und danach richtete sich Simon. Heute sagt er über sich, dass er in dieser Zeit wie besessen von diesen Gedanken über Zeit war.

Kommt Zeit, kommt Rat: nach einigen Monaten beschloss er, von der Schule abzugehen und geleitet vom Vertrauen in sein Handwerk und vom Glauben, dass seine Mutter ihn immer noch unterstützen würde, unabhängig zu werden. Er nahm den Mädchennamen seiner Mutter Jacquemus an und benannte auch sein frisch gegründetes Label nach diesem. Und so ging er seinen Weg.

Auf eigenen Beinen

Noch sind wir aber weit vom aktuellen Erfolg der Marke entfernt. In Paris eine Modemarke zu Gründen verlangt viel Arbeit, Herzblut und Geld. Geld, welches Simon zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatte. Um sich sein Herzensprojekt ansatzweise finanzieren zu können, arbeitete Simon im in der Stadt angesiedelten Comme des Garcons-Store und steckte seine Freizeit in das Aussuchen von Stoffen, Kreieren von Designs, sowie das Marketing und seinen eigens erstellten Online-Shop. Das ging einige Jahre so, in denen Simon an Erfahrung gewann und es schon geschafft hatte, seine Kleidung in einigen Boutiquen an die Frau zu bringen. 2012, nur 2 Jahre nach Gründung der Marke, durfte er seine Kollektionen zum ersten Mal bei der Pariser Fashion Week zur Schau stellen. Auch der Gewinn eines Jury-Preises von LVMH (dem Unternehmen, zu welchem unter anderem Louis Vuitton gehört) sorgte für weitere Popularität und eine Geldspritze über 150.000 Euro.

Das junge Label wuchs und wuchs. 2018 erschien die erste Menswear-Kollektion der Marke, die vorher nur Klamotten und Accessoires für Damen produziert hatte. Spätestens mit der eingangs erwähnten Spring/Summer-2020 Show Le Coup de Soleil hatte Jacquemus ein klares Zeichen gesetzt, in die obersten Ränge der Industrie aufsteigen zu wollen. Mittlerweile finden die Shows in riesigen Stadien statt und werden von namhaften Models wie Gigi und Bella Hadid oder Laetitia Casta gelaufen.

Sommernacht in der Provence

Was Jacquemus neben der erstaunlichen Aufsteiger-Story besonders macht, sind die Designs. Dabei ist das Wort besonders in doppelter Weise ironisch. Einerseits bewegt sich Simon bei seinen Silhouetten klassisch in der gehobeneren Mode: Hemden, Anzüge, weite Hosen, T-Shirts, Kleider, Hüte. In der Hinsicht also eigentlich nichts besonderes. Er selbst bezeichnet seine Designs als naiv, sie bringen auf jeden Fall eine gewisse Klassik und Zeitlosigkeit mit sich, man könnte fast sagen traditionell. Seine Mode wird jedoch eine entscheidende Besonderheit ausgemacht: die Inspirationen. Seine Kreationen repräsentieren seine Heimat, da wo er aufwuchs - wo seine Liebe zur Mode begann und wo er mit seiner Mutter lebte. Er verarbeitet diese Referenzen auf subtile, aber doch bemerkbare Art und Weise. Seien es die Blumen von den provenzialischen Feldern, die er in Form von Drucken oder Mustern verewigt. Oder eine Tasche, die die Form eines Korbes zum Kuchen transportieren, die er aus seiner Kindheit kennt und nachahmt. Noch direktere Referenzen finden sich zum Beispiel in Ohrhängern, die rustikale Holzperlenvorhänge im Miniaturformat darstellen. Mit welcher Einfachheit sich alle Designs, von denen hinter jedem eine individuelle Geschichte und Inspiration steht, in aktuelle Mode einfügt, ohne altbacken oder zu krampfhaft zu wirken, welches ich sehr bemerkenswert finde.


Der aber wahrscheinlich wichtigste Faktor, warum ich von Jacquemus noch Großes erwarte, ist das Gefühl, das die Mode der Marke vermittelt. Das Gefühl, das ich zu Beginn kurz angeschnitten habe. Jacquemus strahlt Spaß aus - strahlt Heimat aus. Nachmittags als Kind mit Freunden auf der Wiese spielen, Mama guckt vorbei und hat Kuchen für alle gebacken. Urlaub im Süden, bunt blühende Blumen, frisches Gras, durch das der Wind eine sanfte Brise weht. Ein Picknick auf der Wiese. Ein Sonnenuntergang. Eine Flasche Wein. Aus einem kleinen Lautsprecher Edith Piaf. Ein Lächeln.

Jacquemus ist mehr als nur Mode, sondern ein Gefühl. Fast poetisch. Jacquemus erzählt eine Geschichte und erweckt positive Erinnerungen und Assoziationen. Das ist, was die Show im Lavendel so genial macht, sie gibt der Geschichte, die erzählt wird, die richtige Bühne. Und das ist auch, was Jacquemus das Potenzial gibt, auch noch weiter zu wachsen: die Kleidung von Jacquemus holt den Konsumenten auf einer tieferen Ebene ab. Jacquemus macht Mode, die Spaß macht. Es ist nicht nur schöne Kleidung, es ist Mode, die uns glücklich macht.

Autor: Frederic Scharr

Moubarak Assima

Creator & Stylist Creative ideas for @nofaithstudios Manage things @fabricsoverfriends Represented by @noinfluence.today Editor @title

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