Jean-Michel Basquiat: Superstar, Revolutionär, Genie

Wer den Namen Jean-Michel Basquiat zum ersten Mal hört, dem wird es vielleicht so wie mir gehen und ihn sich folgendermaßen vorstellen: Ein Mann, Mitte 60, Schnurrbart, Baskenmütze, Pfeife im Mund und Zeitung in der Hand, während er in einem Pariser Bistro frühstückt.

Jean-Michel Basquiat: Superstar, Revolutionär, Genie

Wer den Namen Jean-Michel Basquiat zum ersten Mal hört, dem wird es vielleicht so wie mir gehen und ihn sich folgendermaßen vorstellen: Ein Mann, Mitte 60, Schnurrbart, Baskenmütze, Pfeife im Mund und Zeitung in der Hand, während er in einem Pariser Bistro frühstückt.

Wer den Namen Jean-Michel Basquiat zum ersten Mal hört, dem wird es vielleicht so wie mir gehen und ihn sich folgendermaßen vorstellen: Ein Mann, Mitte 60, Schnurrbart, Baskenmütze, Pfeife im Mund und Zeitung in der Hand, während er in einem Pariser Bistro frühstückt. Nun gut, vielleicht nicht so im Detail. Trotzdem ist diese Vorstellung für viele wohl naheliegender, als die eines Anfang 20-Jährigen, schwarzen jungen Mannes mit wilder Dreadlock-Frisur in einem New-Yorker Atelier. Und so unglaubwürdig das klingen mag, er war seiner Zeit einer der gefragtesten Künstler der Welt und gilt auch heute noch als Genie, dessen Werke sogar im dreistelligen Millionenbereich gehandelt werden. Verkaufspreise, die bekanntere Zeitgenossen wie Keith Haring im Vergleich alt aussehen lassen. Ein einzigartiger Stil und unkonventionelle Themen. Doch trotzdem ist Basquiat vielen außerhalb der Kunstszene kein Begriff. Sein dieses Jahr anstehender 60. Geburtstag ist daher die ideale Gelegenheit, ihn und seine Kunst kennenzulernen und wertzuschätzen. Zur Feier dessen werden wir in diesem Artikel einen Blick auf ihn und seine Kunst werfen, und versuchen diese zu verstehen.  Um seine Kunst zu verstehen, muss man verstehen, was Basquiat mit ihr sagen wollte. Was er für ein Mensch war, was seine Einflüsse waren und wie er gelebt hat. Also schauen wir uns diese Facette zuerst an:

Jean-Michel Basquiat mit Keith Haring

Jean-Michel Basquiat wurde am 22. Dezember 1960 in New York City als Kind einer Puerto Ricanerin und eines Haitiers geboren. Bereits als Kind war er schon künstlerisch begeistert. Er besuchte mit seiner Mutter oft das Brooklyn Museum. Wurde jedoch von seinen Eltern aber anfangs nicht aktiv in diese Richtung gefördert, sondern ging auf eine katholische Privatschule. Obwohl das so nicht ganz stimmt: Nachdem er im Alter von 7 Jahren von einem Auto angefahren worden war, schenkte ihm seine Mutter ein Exemplar von Gray's Anatomy, einem Buch über die menschliche Anatomie. Die Darstellungen und Motive faszinierten den kleinen Jungen und das Geschenk wurde unfreiwillig zu seiner prägendsten Inspiration. Allgemein war Basquiat dadurch, dass er nicht viele Freunde hatte, oft zu Hause und verarbeitete das, was er dort hatte. Popkultur, biblische Geschehnisse und die Musik aus der Heimat seines Vaters waren die Quellen, an denen er sich am meisten bediente.

Jean-Michel Basquiat, mit seiner Mutter

Seine Karriere begann jedoch etwas später. Genauer gesagt 1976. In diesem Jahr fing er mit einigen Freunden von seiner Schule an, für ein schuleigenes Magazin zu schreiben. Daraus ging das Projekt SAMO© hervor, bei dem er mit seinem Freund Al Diaz Botschaften an die Wände Brooklyns sprühte. SAMO©, das war der Gedanke an einen idealen Ort, das Konzept der Sorglosigkeit und Freiheit. Etwas, was jeder für sich selbst bestimmen könnte, wenn er sich nur darauf einlässt, eine Alternative zum echten Leben. Das übertrug er auf die Graffitis, indem er zeigte, was SAMO© nicht war und wovon man sich loslösen müsse. (Stop the Train of Thought; SAMO© for the so-called Avantgarde). Dabei wurde nie geschildert, was SAMO© selbst denn konkret sei. Pure Ironie. SAMO© machte sich über eine uninspirierte Kunstszene lustig, obwohl man selbst nur durch Sprüche an einer Wand bekannt war. Natürlich ist SAMO© nur ein Gedankenspiel, das in sich absolut unlogisch ist, aber von Basquiat durch direkte und gesellschaftskritische Texte so detailliert ausgearbeitet und in seinen Graffitis so massiv beworben, dass man doch für einen Moment darüber nachdenkt, was SAMO© sein könnte, obwohl man sich bewusst ist, dass das Konzept SAMO© selbst keine eigene Identität hat. Das war bei Basquiat keine Seltenheit: Er schaffte es auch später noch oft, Menschen in seine eigene, auf der echten Welt basierende, aber doch surreale Welt hineinzuziehen. Ein Erlebnis, scheinbar losgelöst vom echten Leben, zu bieten und doch den Betrachter so sehr darin zu fesseln, dass er auch außerhalb von Basquiats Welt Facetten von dieser erkennt oder erkennen will. Das möglich Machen des Unmöglichen. Wie genau er das bewerkstelligt, dazu komme ich später.

SAMO© Graffiti Tag

Die Worte von SAMO© avancierten zu kleinen Berühmtheiten innerhalb Brooklyns und damit wuchs auch das Interesse an der wahren Identität des anonymen Sprayers. Bei ersten persönlichen Auftritten erschien Basquiat ohne seinen Partner. Er allein war das Gesicht von SAMO©. Doch auch außerhalb seiner Rolle schaffte er es, die Leute zu verzaubern und erste Kontakte zu knüpfen. Durch den Verkauf selbst kreierter Postkarten kam das erste Geld in die Kasse und Jean-Michel erkannte, dass seine Kunst und damit das, wofür sein Name Stand, mehr als nur an Wände gesprühte Texte sein könnten; zum einen da er das kreative, zum anderen das finanzielle Potenzial erkannte. Auf eher unkollegiale Weise fasste Jean-Michel also den eigensinnigen Entschluss, SAMO© zu begraben. Er schrieb nach der Trennung von seinem Partner im gewohnten Stil „SAMO© IS DEAD“ an die Wände der Stadt, bis die gesamte Kunstszene erkannte, dass Basquiat eine neue Ära seines Schaffens eingeläutet hatte.

SAMO© IS DEAD

Vorbei war das Provozieren und Anti-Sein. Vorbei war es mit den ironisch-kritischen, meist etwas kryptischen, Botschaften. Vorbei war das Versteckspiel hinter dem Künstler, der immer für ein und dasselbe Stand.  Vorbei war es mit der Sprühdose als Pinsel und der Stadt als Leinwand. Sprayer galten damals nicht als richtige Künstler, wie er sich jedoch Verstand. Den Ruf als Graffiti-Künstler und damit die verbundene latente Kritik verfolgte ihn bis ans Ende seiner Karriere. Er wollte sich der Gegenwart stellen, das konkret ausdrücken, was ihn störte, was er fühlte und wie er seine Umgebung wahrnahm. Den Leuten eine Möglichkeit geben, das Zeitgeschehen durch seine Augen zu betrachten. Sich einen Namen machen und als Künstler ernst genommen werden.

Basquiat war zu diesem Zeitpunkt nie auf einer Kunstschule gewesen, die Techniken und Stile hatte er sich durch regelmäßige Besuche in Galerien und Museen selbst beigebracht. Also malte er im Keller der Galerie von Anina Nossei, in welcher er auch ausstellte. Er produzierte im rasenden Tempo ein Bild nach dem anderen. Oft sogar mehrere gleichzeitig. Sein plötzliches Auftauchen in der Kunstszene wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Nicht zu vergessen, wir befinden uns immer noch im Amerika der 1980er Jahre, wo Rassismus vor allem viel präsenter vorhanden war. Denn trotz seiner einzigartigen und von Kritikern gefeierten Kunst, stieß es der bis dahin fast ausschließlich weißen Kunstszene sauer auf, dass ausgerechnet ein Schwarzer der neue Superstar der Szene werden sollte. Besonders dann, wenn er den angesprochenen Rassismus, unter dem er, wie dieses Beispiel zeigt, massiv litt, anprangerte. Trotz alledem sprach seine Kunst für sich und sie war gut. Und sie verkaufte sich dementsprechend gut. So gut sogar, dass Kunden diese manchmal schon vor Fertigstellung erwarben.

Das Lauffeuer Basquiat war entzündet worden, 1983 konnte er sich bereits eine eigene Wohnung mit Atelier leisten. Er wurde nicht nur in der Mary Boone-Galerie, einer der gefragtesten Galerien New Yorks, bald auch weltweit ausgestellt. Das manifestierte seinen Superstar-Status noch weiter und gab Basquiat selbst endlich das Gefühl, es auf die große Bühne geschafft zu haben und respektiert zu werden. Um mal zu demonstrieren, als was für ein Genie der junge Mann betrachtet wurde: Im Alter von 24 Jahren kreierte er mit Andy Warhol, dem wohl einflussreichsten Pop-Art-Künstler aller Zeiten und zu diesem Zeitpunkt einem der bekanntesten und respektiertesten Künstler auf dem Planeten, eine gemeinsame Ausstellung - wobei Basquiat und Warhol dabei als ebenbürtige Künstler wahrgenommen wurden und das auch gegenseitig taten. 5 Jahre, nachdem er noch bei Freunden auf der Couch schlafen musste, weil er sich keine Wohnung leisten konnte. 1987 kam es in Basquiats Leben zu einer traurigen Wende. Der plötzliche Tod Andy Warhols traf Basquiat tief und hinterließ eine Wunde, die nicht mehr heilen sollte. Er konnte das Ableben seines Kollegen und Vorbildes, mit dem er sich kurz vorher sogar noch verstritten hatte, nicht richtig verarbeiten. Geplagt von Trauer, Schuldgefühlen und Angst, steigerte er seinen ohnehin schon häufigen Drogenkonsum um ein Vielfaches und starb am 12. August 1988. Knapp eineinhalb Jahre nach Warhols Tod, im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis.

Andy Warholl und Jean-Michel für den Fotografen Michael Halsband

Basquiat hat trotz seines kurzen Lebens eine beeindruckende Anzahl an Werken hinterlassen. Über 3500 bekannte. Er nutzte Ölstifte, eine Art Wachsmalstift, Acrylfarben und Sprühfarbe. Eine recht unkonventionelle Mischung, durch die er es aber schaffte, einzigartige Kunst zu kreieren. Thematisch hatte sich seit seiner Kindheit nicht viel geändert. Zu den traditionellen und kulturellen Einflüssen, waren gesellschaftliche Aspekte, die Basquiat seiner Zeit bewegten, hinzugekommen. Meist wurden diese Elemente auch miteinander kombiniert oder metaphorisch eingesetzt. In seiner Kunst sind fast immer Personen im Fokus. Sie zeigen auf, wie Basquiat die dargestellten Situationen gesehen, gefühlt oder sich vorgestellt hatte. Er riss reale Gegebenheiten auf, verzerrte diese Fast ins Unkenntliche und brachte dadurch die Gefühle oder Probleme seiner Motive, oder zumindest wie er diese war nahm, zum Vorschein. Basquiat zeigt dem Betrachter seine Perspektive klar und deutlich, überlässt diesem aber trotzdem, was er daraus macht, wie sehr er sich darauf einlässt und welches Urteil er sich schlussendlich dazu bildet.

Für mich persönlich ist er eine Art Kanye West der bildenden Kunst, auch wenn der Vergleich etwas hinkt, wenn man bedenkt, dass Wests Karriere ca. 15 Jahre nach dem Ende von Basquiats begann. Ein schwarzer junger Mann aus einem mittelständischen Haushalt, der sich seine Kunst selbst beibrachte. Jemand, der sich an verschiedensten Genres, Stilen und Inspirationen bedient und sie collageartig zusammenführt. Jemand, der in seiner Kunst die Gesellschaft und ihre Probleme, insbesondere die Benachteiligung von Schwarzen thematisiert und diese in religiöse wie kulturelle Referenzen einbettet. Jemand, der sich traut, zu provozieren und auch mal (oder im Fall von 2020 Kanye auf täglicher Basis) eine kontroverse Meinung zu äußern. Jemand, der in seiner eigenen Welt lebt. Jemand, der zwar eine schwierige Persönlichkeit hat, aber der einzige Mensch auf der Welt ist, der sein Handwerk auf seinem Level beherrscht. Jemand, bei dem man sich immer wieder fragt, wie man überhaupt auf das kommen kann, was man gerade bestaunt. Ein künstlerisches Genie.

Autor: Frederic Scharr

Moubarak Assima

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